Das schwierige Produkt Kerzen oder - Wie soll ich mich entscheiden?

Es ist doch zu dumm. Da fliegt mir und meiner Hände Arbeit diese wunderschöne Tätigkeit zu, alles läuft glatt, meine Kerzen kommen ausgesprochen gut an und ich liebe alles daran und könnte nicht glücklicher sein: hinge daran nicht ein ganzer Rattenschwanz an Fragen und Entscheidungen, mit denen ich gut leben können will und muss. Das Thema Kerzen beschäftigt mich noch nicht so lange. Trotzdem ist schon in der recht kurzen Zeit so manches Stück durch meine Hände gegangen, darum will ich mich der Nachhaltigkeitsfrage stellen. Und idealerweise immer besser werden.

Denn sein lassen will ich das eigentlich nicht, das Kerzen vergolden. Auch wenn es so aussieht als ob es hier auf dem Gebiet nicht die eine, richtige Entscheidung gäbe. Denn es ist ein bißchen verrückt wie verschieden die Aussagen sind die sich von Industrie, Verbänden und Lobby finden.

Zu Frau Gold passt am besten mit der Frage blank zu ziehen. Die Frage offen zu stellen:

 

Denn aus was sind denn eigentlich Kerzen?

 
Eine Kennzeichnungspflicht der Inhaltsstoffe gibt es in Deutschland für Kerzen nicht. Man kann davon ausgehen dass teure, hochwertige Inhaltsstoffe deklariert werden. Steht nichts drauf auf der Kerze ist sie allermeist ein Billigprodukt und das bedeutet in dem Fall Paraffin, im Pulverpressverfahren zur Kerze geformt.
 

Paraffin

Paraffin ist ein Nebenprodukt der Erdölindustrie- gewesen. Mittlerweile sind die Verfahren der Industrie so verfeinert worden, dass das Nebenprodukt so gut wie wegfällt. Da der Paraffinbedarf aber trotz der Verknappung von Erdöl wächst, wird es aus dem Öl auch gesondert hergestellt. Unterm Strich ist die Klimabilanz von Erdölprodukten immer negativ, das gilt auch für Kerzen aus Paraffin.
Der Paraffinkerzenanteil in Deutschland liegt bei über 80%. Paraffin ist nicht biologisch abbaubar und trotzdem vor allem so beliebt weil es entsprechend den Kriterien der EU-Richtlinien, als ungefährlich für Mensch und Umwelt eingestuft wird.

 

Raps & Soja

Kerzen aus Raps und Soja sind ein teures Nischenprodukt. Raps- und Sojawachse werden im chemischen Verfahren gehärtet und sind für Behälterkerzen geeignet, das Teelicht zum Beispiel oder die Kerze im Glas. Für die Verarbeitung zur Tafel- oder Stabwerke werden derzeit Verfahren erprobt (ich bin sogar mit einem Hersteller/ möglichem Lieferanten aktuell im Gespräch) - bis es diese am Markt geben wird vergeht noch Zeit. Raps ist hier komplett regional verfügbar (Dass man den Raps auch für etwas anderes verwenden könnte als für Kerzen lasse ich hier mal weg.) - mit Soja sieht das schon anders aus. Die Rapskerze könnte aber, wenn das Verfahren verbessert ist, im Hinblick auf die CO2 - Bilanz eine echte Alternative sein.

Bienenwachs

Bienenwachs ist als Kerzenrohstoff am bekanntesten, am hochwertigsten und auch am teuersten. Die kleine örtliche Imkerei schafft es neben dem Honig und den Honigprodukten auch einen Schwung Kerzen herzustellen. Diese kosten was, und das aus gutem Grund: Bienenwachs ist knapp. Wenn der Fokus nun auf der Kerzenherstellung liegt, muss Bienenwachs importiert werden. Durch den energieaufwendigen Transport von anderswo her, verschlechtert sich die Ökobilanz. Klare Sache. (Meine Recherche zum Thema Bienenwachs hat zu dem Zeitpunkt gestoppt, als mir klar wurde, dass es bisher keine nicht gelben Bienenwachskerzen gibt - und gelbe Kerzen sind für meinen Zweck nunmal ungeeignet. Es gelingt helle, elfenbeinfarbene Kerzen herzustellen mit einem Bienenwachsanteil von bis zu 10%, fällt der Anteil höher aus wird die Kerze gelb.)

Stearin

Wenn man auf der Suche nach einer mineralölfreien Kerze aus nachwachsenden Rohstoffen ist, findet sich eins ums andere mal die Stearinkerze - sie ist meist als solche deklariert und hat einen guten Ruf. Stearinkerzen sind hochwertig, deutlich schwerer und härter und brennen langsamer ab. Der Preis ist etwa doppelt bis dreifach, vergleicht man mit gängigen Paraffinkerzen. Das namensgebende Stearin ist eigentlich Stearinsäure, die aus pflanzlichen Öle sowie tierischen Fetten (meist in veränderlichen Anteilen) gebildet wird. Sogar 10% Paraffin sind zulässig und die Kerze darf trotzdem als Stearinkerze gehandelt werden. Der Marktanteil liegt in Deutschland bei 7%.
Die tierischen Bestandteile – Achtung für schwache Gemüter –  sind Schlachtabfälle. Und zwar tatsächlich Bestandteile die keine andere Verwertung finden würden, insofern ein wirkliches Nebenprodukt. Ein Grosshändler hat mir das noch ein bißchen weiter ausgeführt: Zur Gewinnung der Stearinsäuren wird hier nicht nur Schwein verwendet, sondern auch Huhn, Rind, Schaf und sogar Fisch. Man weiß nie, was wirklich drin ist, sagt er. Regional seien die Ressourcen allerdings, ausnahmslos. Insofern von der CO2 - Bilanz her wirklich fantastisch.
Die Stearinsäuren aus den pflanzlichen Ölen stammen vornehmlich aus der Ölpalme. Zwar ein recht schnell nachwachsender Rohstoff aber von JWD und wegen der Regenwaldrodung zurecht in Verruf. Hier als Exkurs ein Verweis auf den von der WWF gegründeten RSPO (The Roundtable of Sustainable Palm Oil), bei dem einige Hersteller Mitglied sind. Die Organisation hat Mindestanforderungen gestellt, derer man sich verschreibt wird man als Bauer, Händler oder Produzent Mitglied. Manche sehen den RSPO als Greenwashing, andere sagen die Organisation sei ein brauchbares Tool zur Verbesserung der Ökobilanz.
 
 
 
Letztlich gibt es kein verlässliches Zertifikat, kein Biolabel oder eine Art Ampel für die Ökobilanz von Kerzen. Einzig ein Gütesiegel gibt es: das RAL Gütezeichen Kerzen. Hier soll garantiert werden dass Kerzen nicht rußen oder rauchen und keine gesundheitsschädlichen Stoffe beinhalten und freisetzen
 

Vermutlich müsste an dieser Stelle mein persönliches Plädoyer stehen. Kann ich aber nicht. Weiss ich nicht. Keine Ahnung was richtig ist oder falsch.

Das mit dem Paraffin, gut, das kann ich eigentlich streichen. Außer jemand kommt noch mit neuen Informationen um die Ecke.

Raps - das würde ich ja ziemlich gut finden. Noch ist das Zukunftsmusik. Bis dahin keine Kerzen verwenden? Ich kenne mich. Das klappt nicht.

 

Mit dem Soja - wenn es dann mal soweit ist - verhält es sich wie mit dem Palmöl: Gesetzt den Fall ich finde einen Händler oder eine Händlerin, der oder die mir versichern kann dass auf den Plantagen so nachhaltig wie möglich gewirtschaftet wird u n d ich mit der krassen Transportemission meinen Frieden machen könnte - (Ja, wir kaufen Bananen. Genau genommen haben wir fast immer welche im Haus. Außer vielleicht im Sommer, wenn es hier Früchte in Hülle und Fülle gibt.) dann wäre die pflanzliche Stearinkerze eine Option.

 

Oder doch die Stearinkerze aus den tierischen Fetten? Nüchtern betrachtet ist das wahrscheinlich die nachhaltigste Entscheidung. Ressourcen nutzen die ohnehin nebenan vorhanden sind? Ich bin Vegetarierin. Letztes Jahr habe ich vegan gelebt. Ist das nicht die gleiche Doppelmoral die so kindlich erscheint wenn jemand ganz naiv fragt: Warum kann ich das Stück Wurst aus dem Laden denn nicht nehmen? Das Tier i s t doch schon tot? Und dann stelle ich mir meine schönen, fast geliebten Kerzen vor. Und was drin ist. Und mir wird direkt ein bißchen schlecht. Und dass ich dann dazu stehen und das auch auch genauso würde beantworten müssen wenn mich jemand fragte. Und ich werde gefragt. Heute, gestern, morgen. Und das ist auch gut so.

Trotzdem bin ich der Überzeugung dass meine Kerzen nicht nur mein persönliches Glück mehren sondern auch das von vielen anderen. Und ich mag nicht aufhören welche herzustellen, auch wenn der nachhaltigste Konsum der ist, der nicht stattfindet.

Was würdet ihr tun? Wie würdet ihr entscheiden?

Ich bin froh und dankbar, wenn jemand Feedback geben möchte. Vielleicht sehe ich dann klarer.

Danke für Deine Zeit!
Silvia/ (gold.)

 

5 Kommentare

Marie

Liebe Frau Gold,
ich grübele auch schon länger über das Thema Kerzen. Auf Licht möchte ich im Dunkeln ja nicht verzichten ;-) Paraffin will ich nicht. Ich hatte Teelichter mit NABU Kooperation gekauft. Das sind Recyclingteelichter. Stearin brennt unabhängig vom teils gruseligen Inhalt so schnell und komisch ab. Bienenwachs liebe ich, rußt aber oft so sehr und brennt sehr stark, dass es als Teelicht für meinen Einsatz echt schwierig ist. Unabhängig von der Frage des “Woher kommt das Bienenwachs”… ich find es mega schwer, ein Lösung wüsste ich auch nicht. Ist so ein bißchen wie mit importierten Kaffeebohnen, die ich so sehr liebe und deren Konsum ich nicht wirklich widerstehen kann.
Vielleicht gibt’s ja auch recycelte Biomasse-Stabkerzen. Hab bisher aber nur Stumpenkerzen gesehen. Du kennst die ja bestimmt. Bei Ha…Na… von Biok… darf man hier ganze Namen schreiben? 🙃 Die wären bunt ja auch ganz schön 👍❤ liebe Grüße, Marie

FRAU GOLD

frausiebensachen, DU GUTE!
Das wusste ich, dass Dein Kommentar kommt.
Genau, die GEPAB Kerzen waren auch aus pflanzlichem Stearin, also Palmöl. Aus einem indonesischen Projekt. Der GEPA vertraue ich eigentlich blind. Vor allem was fairen Handel angeht. Was sustainability ist, naja, von weit her kommen die Kerzen immernoch. Aber die hätte ich schon weiterbezogen, hätten sie mir kontinuierliche Belieferung/ Lieferbarkeit zusagen können. Dann kamen die Kerzen fast einzeln verpackt hier an..Naja. Im Moment, ja, tendiere ich auch stark zu der Lösung die Du auch vorziehen würdest.
(Und das andere: ich gräme mich gar nicht! G a r nicht! So ist das wenn man eine zündende Idee hat- die ja auch nicht neu ist und nicht von mir gepachtet. Und so viele Kerzen wie ich mittlerweile gesehen habe…. Meine sind halt einfach die Schönsten. ; )))
Glg**

frausiebensachen

hattest du nicht mal von gepa-kerzen geschrieben? aus was sind die denn? weitgereist wäre mir eine bessere option als tier.
zum thema “alle färben jetzt kerzen”: allein dadurch dass du dir öffentliche so gründliche gedanken darüber machst setzten deine kerzen sich von anderen ab. <3

FRAU GOLD

Hi Doro,
ich habe noch nicht rausgefunden wie das Antworten funktioniert..; ) ich hoffe Du siehst meine Nachricht!
Ja- es scheint unlösbar zu sein. Im Moment denke ich über die pflanzliche Stearinlösung nach mit gleichzeitiger Förderung eines konkreten Projektes zum Aufbau in sich geschlossener, nachhaltiger Strukturen. Oft finde ich sowas wischiwaschi, hier erscheint es mir sinnvoll.
das Wachs das ich einfärbe ist sozusagen Teil des Kreislaufs. Es gint immer einen “Ausschuss”- Kerzen die nicht so schön werden wie ich es mir wünsche. Es gibt Bruch, Transportschäden. das benutze ich als basiswachs. Zudem habe ich einen Vorrat an Rapswachspellets. Den nutze ich wenn ich nichts anderes habe. Wenn nicht als Stabkerze geeignet so funktioniert das Wachs als Trägermasse einwandfrei.
Viele Grüße und Danke für Deine Meinung!

Silvia/ (gold.)

p.s.: Über die Bienenwachssonderedition denke ich nach!

Doro

Ich hätte keine Lösung zu bieten, aber danke für den Artikel, sehr interessant. :-)

Ich bin ein Fan der Bienenwachskerze. Vielleicht fällt dir ja irgendwann doch eine farbkombi ein, die sich mit dem gelb gut verträgt. So als Sonderedition. :-D

Aus was besteht denn eigentlich der Wachs, in den du deine Kerzen tauchst?

VG Doro

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